Manifest

Ich entwerfe Kleidung für echte Tage. Tage, die nicht nur aus Arbeit oder Freizeit bestehen, sondern aus allem gleichzeitig. Arbeiten, laufen, sitzen, mit dem Rad irgendwohin fahren, essen gehen, zu Hause sein und alles, was dazwischen passiert.


Ich habe nie ganz verstanden, warum Kleidung diese verschiedenen Teile eines Lebens so sauber voneinander trennen soll. Warum ein Kleid einen Anlass braucht. Warum ein Sakko auf eine bestimmte Art funktionieren muss. Oder warum wir uns umziehen sollen, nur weil der Tag nach 17 Uhr noch weitergeht.


Oft fange ich mit etwas sehr Bekanntem an. Einer Jacke. Einem Hemd. Einer Hose. Einem Kleid. Dann schaue ich mir an, wie es normalerweise gemacht wird, und frage mich, ob es wirklich genau so sein muss.


Manchmal verändere ich die Konstruktion. Manchmal die Proportion. Manchmal ist es der Stoff. Manchmal nehme ich einfach etwas weg, das mich stört. Und manchmal gefällt mir einfach, wie sich ein Material bewegt, anfühlt oder klingt, und daraus entsteht etwas.


Ein Sakko muss den Körper nicht festhalten, um Struktur zu haben. Ein Oversize-Hemd muss nicht einfach ein normales Hemd in größer sein. Ein langes Kleid braucht keinen besonderen Abend. Und ein Teil, das normalerweise darunter verschwindet, darf auch sichtbar sein.


Aber auch nicht jedes Kleidungsstück braucht eine große Idee dahinter. Manchmal ist ein Kleid einfach ein sehr gutes Kleid.


Bewegung spielt beim Entwerfen eine große Rolle für mich. Damit meine ich nicht, dass alles weich, weit oder elastisch sein muss. Ich mag Struktur. Ich mag aber auch Raum.


Eine Taille kann klar sein und der Hüfte trotzdem Platz lassen. Ein fester Stoff kann vom Körper wegstehen, ohne ihn einzuschränken. Ein Kleid kann Gewicht haben und sich trotzdem leicht bewegen. Das eine schließt das andere nicht aus.

Auch die Kollektion funktioniert für mich so. Sie beginnt nicht jede Saison wieder bei null. Teile dürfen bleiben, zurückkommen und sich weiterentwickeln. Ich denke eher an eine Garderobe, die mit der Zeit wächst.


Und um die Kleidung herum gibt es noch eine Frage, die mich schon lange beschäftigt: Weiblichkeit. Oder genauer gesagt all die Vorstellungen, die wir damit verbinden.


Was sieht weiblich aus? Was ist angemessen? Wann ist etwas zu viel? Wie viel Raum darf eine Frau einnehmen? Wie sollte ihr Leben in einem bestimmten Alter aussehen? Und für wen ziehen wir uns eigentlich an?


Ich habe darauf keine neue Definition von Weiblichkeit. Das interessiert mich auch gar nicht. Mich interessiert eher, dass verschiedene Dinge gleichzeitig wahr sein können.


Weiblich und streng. Selbstbewusst und unsicher. Unabhängig und trotzdem auf der Suche nach Nähe. Ehrgeizig und müde. Elegant und vollkommen alltäglich.


Wir müssen uns nicht immer für eine Seite entscheiden. Vielleicht kann Kleidung diese Widersprüche genauso aushalten.


Und auch et amis gehört für mich dazu. Kleidung verlässt irgendwann meine Hände. Andere Menschen produzieren sie, fotografieren sie, tragen sie anders, als ich es mir vorgestellt habe, und machen sie zu ihrer eigenen. Ich mag, dass ich nicht kontrolliere, was danach passiert.


Maison Marron et amis ist ein Modelabel. Ich mache Kleidung. Aber die Fragen darum herum gehören für mich genauso dazu.